„Lasst doch die Kirche im Dorf“ heißt ein deutsches Sprichwort, wenn man sagen will, dass andere es nicht so übertreiben sollen mit ihren neuen Ideen, die man von außen so mitbringt.

Tatsächlich markieren die Kirchen im Osnabrücker Land und auch im Südoldenburger Land  Herrschaftsansprüche: Das „eigentliche“ Artland ist traditionell evangelisch, aber Ankum ist ursprünglich katholisch. So war es immer gewesen. Die Konfessionsgrenzen, die nach dem Westfälischen Frieden gezogen wurden, sind immer noch da. Sie überdauerten die gewaltigen technischen Umbrüche der Neuzeit und die schrecklichen Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts. Seit dem Jahr 1648 lebten Katholiken und Lutheraner in einem Zustand der friedlichen Koexistenz. Das heißt: man schlug sich nicht mehr die Köpfe ein wie einst im 30jährigen Krieg. Aber man wollte sich auch nicht wirklich begegnen. So gab es eben Orte, in die man niemals fuhr, und unsichtbare Grenzen, die trotzdem jeder sah.

300 Jahre hatte man die Trennung sauber durchgehalten. Dann kamen die Heimatvertriebenen auf der Suche nach eine neuen Heimat und brachten den meisten Orten im Osnabrücker Land die ersten Konfessionsfremden. Man bestaunte einander. Manche verliebten sich auch ineinander. Andere hielten sich noch an die althergebrachten Regeln. Als eine Frau sich in einer Diskothek ihren neuen Liebsten ausguckte, war ihre erste Frage: „Bist du verheiratet?“ Und ihre zweite: „Bist du evangelisch?“ Allerdings schmunzelte sie, als sie mir diese Anekdote erzählte. Vor 25 Jahren kamen die Deutschen aus Russland. Auch die hatten anderes im Sinn als dieses gegeneinander oder nebeneinander von einst zu pflegen. Die alten Grenzen verwischen. Man nimmt sie längst nicht mehr so bitterernst wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Längst wächst zusammen, was zusammen gehört und was – so meine ganz persönliche Hoffnung – irgendwann zusammen gehören wird.

Hier in Quakenbrück begegnen wir uns als Christen unterschiedlicher  Konfessionen mit neuem und  gegenseitigem Interesse. So verwischen die alten Grenzen.. In Quakenbrück waren die Grenzen schon immer etwas verwischter. Man war nicht 100prozentig evangelisch, aber schon gar nicht katholisch. Heute ist Quakenbrück  im höchsten Maß multikulturell. Die Ökumene ist hier traditionell freundschaftlicher und besser gepflegt als in den Nachbarorten. Die alten Grenzen verwischen. Das ist gut so. Doch manchmal ist es nicht Interesse aneinander, sondern genau das Gegenteil, was die alten Grenzen verwischen lässt, nämlich zunehmende Unwissenheit oder Gleichgültigkeit gegenüber christlichen Traditionen und christlicher Frömmigkeit. Es ist gar nicht so leicht, etwas vom tiefen Sinn des christlichen Glaubens zu verstehen in einem Land, in dem der Glaube immer schon da war. Dass die Germanen, die die Römischen Legionen in unseren hiesigen Wäldern besiegten, einst ganz andere Götter verehrten, diesen Wissen ist aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden. So lange die Menslager oder Quakenbrücker  oder Gehrder oder Badberger zurückdenken können, war ihr Kirchturm immer schon da.

Man wird in das Christentum praktisch hineingeboren. Selbstverständliches hinterfragt man eher selten. Doch fragen lohnt sich immer: Was könnte der Glaube in mir ganz persönlich bewirken? Was ist das wirklich Wichtige an meinem christlichen Glauben? Was ist typisch evangelisch? Was könnte ich z.B. einem Muslim antworten, wenn er mich nach meinen Glauben fragt?

Hier in den immer noch beschaulichen Städtchen und Dörfern im Osnabrücker Land leben inzwischen Menschen aus vielen Kulturen. Fragen wir doch einfach mal andere Menschen nach ihrem Glauben! Wir werden erstaunliche Geschichte hören.

(Andacht von Pastor Wolfgang Thon-Breuker bei der Gemeindeversammlung am 16.10. 2014)

 

 

Orte der Reformation

Im Frühjahr erscheint ein reich bebildertes Buch "Orte der Reformation: Osnabrück" im Buchhandel.  Herausgeber ist der Osnabrücker Kirchenhistoriker  Prof. Dr. Martin H. Jung. In diesem Buch wird auch ausführlich die Quakenbrücker Reformation und das Wirken des Reformators Hermann Bonnus, der aus Quakenbrück stammt, dargestellt.